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Kein Bock mehr auf Blair
Viele britische Popstars halfen Tony Blair einst, Premierminister zu werden. Nach zwei Amtsperioden mit Sozialkürzungen und Irak-Krieg möchte daran am liebsten niemand mehr erinnert werden. Ob Oasis, Blur oder New Order: Bei den engagierten Bands von einst herrscht Katerstimmung und Resignation.
In London ist gespenstische Ruhe eingekehrt. Kurz vor der Wahl in Großbritannien harren Popstars der Nachricht, die - glaubt man den Umfragen - auf jeden Fall kommen wird: Tony Blair gewinnt zum dritten Mal mit seiner Labour-Partei die Mehrheit. Freuen will sich darüber keiner mehr im Popgeschäft. Vom "Cool Britannia", das Blair 1997 noch mit Unterstützung von Bands wie Oasis, Blur oder Pulp ausrief, fehlt heute jede Spur. Die einstige Allianz zwischen Politik und Pop ist vergessen, die Euphorie der Anfangstage ist verflogen.
Bereits 1998 kündigte die Band Blur die Ideen-Gemeinschaft mit New Labour auf. Die linke Regierung erließ zu der Zeit Kürzungen von Studentenstipendien, dadurch erhöhten sich Studiengebühren, auch Damon Albarns Band protestierte dagegen - erfolglos. Die Einführung von Blairs New-Deal-Programm entsetzte viele Kreative. Das Programm sah unter anderem Kürzungen von Sozialleistungen und die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in Billigjobs vor. Der Oasis-Entdecker Alan McGee wütete: "Tony Blair ist schlimmer als Margaret Thatcher." Der größte Aufschrei ging jedoch durch die britische Popwelt, als Blair im vergangenen Jahr den Amerikanern Unterstützung im Irak-Krieg zusagte. Das Band zwischen Pop und Politik zerriss endgültig.
Das nun entstandene Dilemma vieler Musiker zeigt sich am deutlichsten in einem Vorfall vom 13. April: Als Labour die letzte Wahlkampfphase zünftig mit dem U2-Hit "Beautiful Day" einläutete, distanzierten sich die linken Rocker eifrig von der Vereinnahmung. "Die Gruppe ist geschmeichelt", hieß es in einer offiziellen Erklärung der Iren, "behält sich aber das Recht vor, für oder gegen Inhalte jeglicher Partei zu sein." Eine recht kühle Reaktion, bedenkt man die zahlreichen Fototermine und öffentlichen Auftritte, die U2-Frontmann Bono in früheren Jahren gerne mit Blair absolviert hat. Heute ist von der Nähe nichts mehr zu spüren. Niemand will für Labour werben, aber es will sich auch kaum jemand öffentlich gegen sie stellen - und damit den konservativen Torys zuspielen.
Südlich von Hampstead Heath im Norden Londons spürt man die Unaufgeregtheit des Wahlkampfes. An der Gordon House Road stehen Reihenhäuser dicht an dicht, kein Wahlplakat verschmutzt die Idylle, nur an einem Fenster klebt ein selbst gebasteltes Pappschild: "Vote Green", steht darauf. Die Grünen haben in Großbritannien so viele Chancen wie in Sachsen oder Sizilien: nämlich gar keine. Da kann man es als kleine Sensation vermelden, dass die schottische Band Franz Ferdinand ihnen ihr Lied "This Fire" für den Wahlkampf zur Verfügung stellte. Ein Engagement bedeutet das allerdings noch lange nicht: Das erfolgreiche Quartett vermeldet, man sei zu beschäftigt im Studio, um sich in Politik einbinden zu lassen.
Gleich gegenüber dem Fenster mit dem Plakat sieht man das ähnlich. In einem weißen Ziegelbau residiert das geschäftige Indie-Label Warp. Die Wirtschaft boomt seit zehn Jahren im Vereinigten Königreich, die Firma macht gute Geschäfte, Künstler wie die Zeitgeist-Band Maximo Park sind ihr Aushängeschild. "Ach ja, die Wahl", sagt einer der Mitarbeiter müde, als wolle man ihn in ein Gespräch über gestiegene Portokosten verwickeln. Dann lässt er das Thema schnell wieder fallen. Er gehe nicht wählen, sagt er, als Zeichen gegen das System, das so nicht mehr funktioniere.
Solche Sätze hört man immer wieder. Immerhin: Chris Martin will das ändern. Der Sänger der Band Coldplay engagiert sich in der Kampagne "Rock The Vote". Wie beim amerikanischen Vorbild sollen jugendliche Wähler animiert werden, ihre Stimme abzugeben. Auch Oasis-Gitarrist Noel Gallagher, "Pop Idol"-Gewinner Will Young und die Soul-Sängerin Beverley Knight leihen der Kampagne ihr Gesicht, die ausdrücklich keine politische Richtung favorisiert. Die Künstler kämpfen gegen die zunehmende Apathie. Gerade einmal 59,4 Prozent aller Wahlberechtigten beteiligten sich an der letzten Abstimmung 2001, der Anteil junger Wähler schwindet von Wahl zu Wahl.
Doch so richtig zünden will die Politikbegeisterung nicht - schon gar nicht in den Reihen der Popstars. Wenige stehen für eine politische Richtung ein, zumeist sind es nicht gerade die aktuellen Jugend-Idole. Chris Lowe von den Achtziger-Jahre-Veteranen Pet Shop Boys erklärte in einem Interview mit dem Online-Magazin "Skrufff", wie sehr er Premier Blair seit dem Eintritt in den Irak-Krieg hasse. Außerdem wolle er die Einführung von Personalausweisen verhindern. Lowe sieht darin eine Kontrolle Orwellscher Dimensionen. Er schloss mit dem Aufruf, die Liberaldemokraten unter Charles Kennedy zu wählen.
Der ehemalige Roxy-Music-Komponist und Ambient-Künstler Brian Eno sieht das ähnlich. Der frühere Labour-Sympathisant unterstützt in Blairs Wahlkreis einen unabhängigen Kandidaten, dessen Sohn während des Irak-Einsatzes ums Leben kam. Landesweit plädiert der 57-jährige Musiker für die Liberalen. Er hat sogar eine eigene Website geschaltet, auf der sich prominente Befürworter wie Fran Healy, Sänger der Band Travis, eintragen ließen.
Mit Engagements wie diesen steht Eno ziemlich allein da. Musiker von Blur und Massive Attack, die sich vehement gegen den Krieg im Irak ausgesprochen haben, verhalten sich vor den Wahlen auffallend still. Der Hass gegen die geplatzten Labour-Versprechen ist einer Lethargie gewichen. Oder einer Angst: Viele Musiker wollen sich nicht einspannen lassen, weil sie das später bereuen könnten. Jedem ist das Beispiel Alan McGees in unguter Erinnerung. Der Erfolgsmanager und ehemalige Boss des Plattenlabels Creation spendete 1997 rund 100.000 Pfund, um Blair ins Amt zu heben. Vier Jahre später brach er den Stab über New Labour, beschimpfte die Partei als "Big Brother", acht Jahre später beschuldigt er den Premier, mehr daran interessiert zu sein, auf die Titelblätter zu gelangen, als das Land zu führen. McGee kämpft gegen einen Makel, der ewig an ihm haften bleiben wird.
Der "New Musical Express" fand dementsprechend wenig Musiker, die für die größte Musikzeitschrift des Landes ihr Wahlverhalten offen legen wollten. Noel Gallagher votierte für Labour, Kele Okereke von den Newcomern Bloc Party für die Grünen und New Order stimmen für die amerikanische Rockband The Killers - weil es ja ohnehin egal sei, wen man wähle. Die Labour-Partei komme ja sowieso wieder an die Macht, meinte Sänger Bernard Sumner.
Zu einem Schabernack ließ sich die Zeitung trotz des ernsten Themas hinreißen. Der "NME" wollte von seinen Lesern wissen, welchen Musikern einzelne Parteien oder Politiker ähnlich seien. Das Ergebnis: Blair sei wie Oasis - beide hätten ihre beste Zeit 1997 gehabt. Wunschkandidat für den Posten des Premierministers ist der Umfrage zufolge Chris Martin. Der Musiker erwiderte, falls die anderen drei Mitglieder von Coldplay sowie Danny McNamara von Embrace, Noel Gallagher, Morrissey und ein Kraftwerk-Mitglied im Kabinett wären, könnte er sich für den Job erwärmen.
Autor: Ulf Lippitz
Quelle: spiegel.de