Zak Starkey, der Sohn des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr, trommelt nun für Oasis. Es ist eine schöne englische Geschichte
Sabine Rennefanz
GLASTONBURY, im Juni. Richard Starkey sollte auch kommen. Aus Los Angeles, wo er schon lange wohnt. Es war nur ein Gerücht. Aber es war überall zu hören an diesem Wochenende in Glastonbury, auf dem großen Musikfestival im Südwesten Englands, wo die Fans auf schlammigen Wiesen tanzten. Richard Starkey ist besser bekannt als Ringo Starr, als der Schlagzeuger der Beatles.
Allein die Erwähnung eines Namens eines der fabelhaften Vier bringt Engländer in Aufregung. Es mag unendlich viele gute jüngere Bands geben, doch in diesen Wochen befindet sich die Insel wieder im Beatles-Fieber. Es bricht alle Jahre wieder aus, und es kommt in Wellen, die immer stärker werden. Paul McCartney und Ringo Starr, die Überlebenden der Band, haben zuletzt den Verkauf von 24 Millionen “Greatest Hits”-Alben erlebt. Und gerade vor wenigen Tagen wurden die legendären LPs “Revolver” und “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” von Hundert Prominenten, darunter Morrissey, Spice-Girl-Erfinder Simon Fuller und Queen-Gitarrist Brian May zu den besten britischen Alben aller Zeiten gewählt.
Nun also Ringo Starr beim größten Musikfestival Europas, das jedes Jahr den Sound des Jahres vorstellt. Aber Ringo sollte gar nicht spielen. Wenn er käme, dann käme er vor allem, um seinen Sohn in Glastonbury spielen zu sehen.
Ringos Sohn trägt den lustigen Vornamen Zak. “Weil das stark klingt und man keine dummen Abkürzungen machen kann”, wie der Vater einmal gesagt hat. Zak Starkey hat denselben Beruf ergriffen wie sein Vater. Und an diesem verregneten Tag in Glastonbury saß er zum ersten Mal am Schlagzeug einer anderen legendären britischen Band, Oasis – und damit schrieb er Popgeschichte. Es ist eine kleine feine Ironie, dass ausgerechnet der Beatles-Sohn Zak nun bei Oasis mitspielt, der Band der exzentrischen Gallagher-Brüder, die stets am lautesten das Erbe der Beatles für sich beansprucht haben. So zog Zak Starkey an diesem Tag denn auch ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Brüder Gallagher. Angenehmerweise machte der Trommler mit dem berühmten Vater nicht viel Aufhebens darum.
Zak Starkey, inzwischen 38 Jahre alt, gehört zu den wenigen Prominentenkindern, die sich nie besonders in den Vordergrund gespielt haben. Er hat sich nicht darüber beklagt, im Schatten seines Vaters zu stehen. Über ihn ist überhaupt wenig bekannt, vielleicht nur, dass er eigentlich immer sein Ding gemacht hat. Mit vier hat ihm der Vater die ersten Takte beigebracht, mit zwölf spielte er in seiner ersten Band. Mit sechzehn hat er sich mit seinem Vater zerstritten, weil der angeblich dagegen war, dass sein Sohn auch Drummer wird und die Schule schmiss. Zak ist dann einfach ausgezogen. Seine Geschwister Lee und Jason machten immer wieder von sich reden, weil sie in Entzugskliniken lagen. Von Zak hat man so was nie gehört.
Man wusste, dass er mit neunzehn geheiratet und ein Kind bekommen hat. Dann blieb er meistens zu Hause. Deshalb sieht Zaks Rockerleben auch so aus, dass er abends die britische Dauerserie “Eastenders” im Fernsehen guckt und Tee trinkt. “Ich bin eben ein fanatischer Engländer”, sagte er in einem seiner seltenen Interviews.
In den letzten Jahren tauchte Zak Starkey immer dann auf, wenn eine gealterte britische Promiband einen Schlagzeuger brauchte. Schließlich landete er 1997 bei The Who. Angeblich hat Zak als Vierjähriger seine erste Trommel von Keith Moon bekommen, dem legendären Who-Schlagzeuger der ursprünglichen Besetzung. Keith Moon war damals ein guter Freund von Vater Ringo. Er spielte dem kleinen Zak angeblich regelmäßig den Viervierteltakt vor. Auch wenn es nicht stimmen sollte, ist das zumindest eine schöne Legende.
In den vergangenen zwei Monaten hat Zak Starkey das Oasis-Repertoire gepaukt. Und man konnte sich in Glastonbury davon überzeugen, dass er die einzige spannende Neuerung ist, die die Truppe aus Manchester nach knapp zwei Jahren Kreativpause vorzuweisen hat. Rein äußerlich hat Zak sich auch schon dem Oasis-Stil angepasst, er trug einen braunen Parka und diese typische Britpop-gerade-aus-dem Bett-gestiegen-Frisur. Und er trommelte die Hits wie “Wonderwall”, “Supersonic” als hätte er nie etwas anderes gemacht – und mit soviel mehr Präsenz als sein Vorgänger Alan White. Auch das neue Oasis-Stück “A Bell will ring” mit seinem rollenden minutenlangen Solo schien wie für Zak Starkey gemacht.
Die sonst so rüpelhaften Gallagher-Brüder hatten sich denn auch Mühe gegeben, den Beatles-Sohn freundlich zu empfangen. Und der wiederum sagte höflich, er fühle sich wohl, was viel aussagt, denn wer bei Oasis ist und nicht Gallagher heißt, kann sich schnell zerreiben lassen im Dauerstreit der Brüder. Die sind zur Zeit wieder so verfeindet, dass sie beinahe das Konzert in Glastonbury abgesagt hätten, wenn sie keine weit von einander entfernt liegenden Umkleidekabinen bekommen hätten. So was halten nur uneitle Typen wie Starkey aus. Als Abschluss des Konzerts durfte er gar “My Generation” von seinen alten Arbeitgebern, The Who, trommeln. Es war wahrscheinlich das beste Stück des ganzen Konzerts. Und es passte in die sentimentale Retro-Stimmung, die England zu Zeit überzieht, und in die sich die Verpflichtung Zak Starkeys bei Oasis so schön einfügt.
Eine große Tageszeitung, der Guardian, klagte kürzlich, dass es erschreckend sei, wie sehr die britische Musikwelt derzeit von den Sirs des Landes dominiert werde. Tatsächlich ziehen Sir Paul McCartney, Sir Elton John, Sir Mick Jagger oder eben auch The Who mehr Publikum an als je zuvor. Es gibt wenig Neues und selbst das Neue klingt irgendwie alt. Die Schotten der Band Franz Ferdinand erinnern an den Glasgower Studentenrock der späten Siebziger, die amerikanische Combo Scissor Sisters mixt fröhlich Pink Floyd und Elton John.
Die ewige Wiederkehr des Alten hat auch mit der veränderten Altersstruktur der Musikkonsumenten zu tun. Die wichtigsten Plattenkäufer in England sind nach einer aktuellen Studie die 40-Jährigen. Auch der amerikanische Branchenverband RIAA hat eine Langzeitstudie veröffentlicht, die den Wandel in Amerika untersucht: Bis 1998 bestand die wichtigste Käufergruppe aus Teenagern von 15 bis 19 Jahren. Inzwischen sind es die über 45-Jährigen, deren Marktsegment rasch wächst: Im letzten Jahrzehnt hat sich der Umsatz, den sie machen, verdoppelt. Die ergrauten Rockfans mögen vielleicht schon zwanzig Paul McCartney-Tourneen hinter sich haben, sie sind aber immer noch dankbare und nun finanzstarke Fans.
Paul McCartney übrigens befand sich auch im Publikum von Glastonbury, um sich Oasis anzuschauen. Beim Anblick von Zak Starkey wird er sich vielleicht gefragt haben, warum der Vater noch nicht einmal halb so viel Talent hatte wie der Sohn. Zak, der neue Drummer von Oasis hätte wohl einen besseren Beatle gemacht.
McCartney selbst spielte dann auch noch in Glastonbury. Und irgendwie hatte sich dann das Festival fast in ein Beatles-Festival verwandelt. Auf einer Bühne spielten vier andere berühmte Liverpooler: die Beatles-Parodie-Band “The Rutles”. Sie machten aus “Abbey Road” Shabby Road, die schäbige Straße und aus “All you need is love” All you need is cash. Und auf der großen Bühne verwandelte Sir Paul sein zweistündiges Konzert in eine Beatles-Hommage.
McCartney trug ein merkwürdiges, pinkfarbenes Hemd, schien ein bisschen aufgeregt zu sein und machte Witze ohne Pointe. Doch das alles war egal, denn er hatte die richtigen Songs und eine Stimme, der man die 61 Jahre nicht anhört. Er sagte, er danke John (Lennon) und George (Harrisson). Ringo dankte er nicht, und man weiß nicht, ob Zak Starkey ihm das übel genommen hat. Dann spielte er all die Songs, die die Beatles unsterblich machten. “Let it be”, “Yesterday”, “Yellow Submarine”.
Und er spielte sie mit einer derartigen Perfektion, dass John und George in diesem Moment im Himmel wahrscheinlich ein Auge zugedrückt haben, als McCartney die Beatles-Klassiker in sein ganz persönliches Repertoire vereinahmte. Auf der Leinwand sah man die fabelhaften Vier zusammen in Liverpool, im berühmten Plattenstudio an der Abbey Road, vor kreischenden Fans in Amerika. Und auf einmal spürte man die Aufregung, all das Neue, das die Beatles in die sechziger Jahre brachten. Gleichzeitig geht von den Liedern etwas Vertrautes aus, man kennt die Texte, jede einzelne Melodie hat man tausendfach gehört. Sie sind wie ein alter Mantel, den man immer wieder gerne anzieht. Der Höhepunkt war wahrscheinlich “Hey Jude”. Jeder im Publikum sang mit, Banker neben Teenagern, Hausfrauen neben Alt-Hippies. Auf einmal waren sie Teil eines emotionalen Ereignisses – und selbst der Guardian, der zuvor Paul McCartney als nervigen Dinosaurier verspottet hatte, fand nichts zum Mäkeln. “Ein authentischer Pop-Moment”, lobte das Blatt.
Ringo Starr kam dann übrigens doch nicht nach Glastonbury. Sein Sohn sagte, der Auftritt Paul McCartneys sei das beste Konzert gewesen, das er in Glastonbury gehört habe. Vielleicht hätte Ringo gerade das gestört.
Quelle: berlinonline.de