Charmanter Großkotz
Noel Gallagher im 1LIVE-Interview
Von Marcel Anders
Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? Anlässlich ihres siebten Albums “Dig Out Your Soul” strotzt Oasis-Chef Noel Gallagher vor Selbstbewusstsein. Dabei ignoriert der 41-Jährige nicht nur den Popularitätsknick der letzten Jahre, beim 1LIVE-Termin in London meldet er auch Ansprüche auf den Posten des Premierministers an – und disst die lieben Kollegen von Amy Winehouse bis Pete Doherty. Ein unterhaltsamer Rundumschlag.

Bei der Musik von U2 kriegt Noel Pickel.
1LIVE: Wolltet ihr mit “Dig Out Your Soul” nicht in die Welt der orchestrierten Musik vordringen? Das war zumindest die Androhung.
Noel Gallagher: Und das wollte ich eigentlich auf dieser Platte umsetzen. Eben mit einem richtig großen Orchester. Aber so weit ist es nicht gekommen, weil es eine völlig andere Richtung genommen hat: Die Songs sind weniger poppig, dafür aber ein bisschen hypnotischer und psychedelischer. Was einfach so passiert ist. Eben wie ein Unfall. Hätten wir uns dagegen von vornherein entschieden: “Los, wir gehen ins Studio und machen eine psychedelische Rock-Platte”, wäre das nie passiert. Denn das ist die Art, wie wir arbeiten. Und das ist dabei entstanden.
1LIVE: Wobei ihr in den legendären Abbey Road Studios aufgenommen habt – trotz Hausverbot. Wie habt ihr das wieder eingerenkt?
Noel Gallagher: Ganz einfach: Wir mussten sie im Voraus bezahlen und versprechen, dass wir uns gut benehmen. Hätten sie uns rausgeschmissen, hätten wir den Vorschuss verloren. Aber hey, wir sind ja inzwischen ganz anders. Als wir da 1997 waren, war jeder in der Band in seinen 20ern und die ganze Zeit auf Drogen. Jetzt hat jeder Kinder, und es ist alles ein bisschen weniger verrückt. Aber wir haben trotzdem eine gute Zeit. Und wir haben eine tolle Platte gemacht. Das ist das Einzige, was zählt. Und es ist ja auch gut für Abbey Road, dass da endlich wieder eine tolle Platte gemacht wurde. Denn wann ist das zum letzten Mal passiert?
1LIVE: Waren U2 nicht auch da, als ihr dort gearbeitet habt?
Noel Gallagher: Ich habe sie nirgendwo gesehen. Was aber nichts heißt: Die sind ja noch langsamer als wir. Wahrscheinlich brauchen sie schon ein mehrstündiges Bandmeeting, um sich zu entscheiden, ob sie lieber Kaffee oder Tee trinken wollen. So etwas in der Art. Also, sie sollten da eigentlich mit Rick Rubin sein, aber ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Und es interessiert mich auch nicht. Bei der Musik kriege ich Pickel.
Nicht mehr tonnenweise Koks durchziehen

Oasis veröffentlichen ihr 7. Studioalbum "Dig Out Your Soul".
1LIVE: Rangierst du denn nicht in der selben Liga wie Bono & Co.? Eben als eine Art “älterer Staatsmann des Rock”?
Noel Gallagher: Lass mal sehen. Ich glaube, die Reihenfolge ist eher so: Mick Jagger, Keith Richards, Neil Young, Iggy Pop, Bono, Paul Weller, Ian Brown, Morrissey und dann komme irgendwann ich. Auf der Liste wäre ich also noch ganz unten. Aber irgendwann gehöre ich bestimmt dazu. Gib mir noch ein paar Jahre.
1LIVE: Demnach bist du weiser und leiser geworden – und sei es nur, weil du mittlerweile Kinder hast?
Noel Gallagher: Na ja, du kannst nicht mehr jede Nacht Drogen nehmen, wie ich das früher getan habe – so etwas kannst du vor Kindern nicht bringen. Andernfalls wärest du ein Riesenidiot. Und ich will nicht, dass sie genau so aufwachsen wie ich. (lacht) Ich meine, ich habe ein achtjähriges Mädchen und einen kleinen Jungen, der ein paar Monate alt ist. Und für die tue ich alles. Trotzdem habe ich immer noch tolle Abende. Nicht mehr ganz so oft, aber ich habe sie noch.
1LIVE: Wenn du auf die 90er zurückblickst, wie denkst du heute über die wilden Exzesse, die verbalen Ausrutscher, die fliegenden Fäuste?
Noel Gallagher: Das war weder lustig noch traurig, sondern es war einfach so. Und ich blicke nicht zurück und versuche, das zu analysieren. Klar vermisse ich meine 20er. Ich vermisse es, so jung zu sein. Und ich vermisse die ersten Jahre – also die “Definitely Maybe”-Phase. Einfach, weil ich damals Single war, jede Menge Spaß hatte und Drogen genommen habe, als gäbe es kein Morgen. Mann, das waren wirklich tolle Zeiten! Aber ich möchte sie mit 41 eben nicht noch einmal erleben, mich wie ein verrückter alter Sack benehmen und jeden Abend tonnenweise Koks durchziehen. Das wäre doch traurig, oder? Aber das war das damalige Leben, Mann. Und das finde ich heute weder lustig noch traurig. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht der Typ bin, der sich zurücklehnt, in die Vergangenheit blickt und sagt: “Wow! Erinnert ihr euch noch an dies oder das?” Ich meine, wenn ich mit Freunden unterwegs bin, passiert das schon mal. Aber der Moment, Oasis mit allem Drum und Dran zu analysieren, ist erst dann, wenn alles vorbei ist.
Den Planeten retten? – Langweilig!

Liam & Noel verbindet eine Hassliebe.
1LIVE: Während sich die Texte des neuen Albums mit den psychedelischen Trips deiner Jugend befassen? Ist das kein Widerspruch?
Noel Gallagher: (lacht) Ich fand das interessant – und habe da eine Menge herausgeholt. Ich meine: Worüber schreibst du, wenn du 41 bist? Über’s Berühmtsein? – Das will keiner hören! Darüber, in einer Band zu spielen? Das hab ich schon auf “Definitely Maybe” gemacht. Frauen? – Viel zu langweilig! Geld? – Will keiner hören! Den Planeten retten? – Langweilig! Da singe ich lieber davon, wie es war, als ich mit 16 Acid genommen und die verrücktesten Geschichten erlebt habe. Da gibt es wirklich Einiges zu erzählen.
1LIVE: Kannst du dich so lebhaft daran erinnern?
Noel Gallagher: Es ist nicht so, als hätte ich Flashbacks. Aber wenn du mit Freunden in Erinnerungen schwelgst, dann kommt halt alles zurück. Ich kann mich zum Beispiel noch an das Gefühl erinnern, vom Fußboden verschluckt zu werden. Oder wie ich Gott getroffen habe. Ein netter Kerl.
1LIVE: Und wie kommt es, dass Zak Starkey die Band verlassen hat? Angeblich war er doch dein Lieblingsschlagzeuger?
Noel Gallagher: Das ist er auch – aber es ist halt so, dass er sich momentan um seine Familie kümmern muss und allein deshalb nicht touren kann. Was okay ist. Man muss Prioritäten setzen.
Amy & Pete sind kleine Hosenscheißer

Noel hat Robbie Williams den Drummer ausgespannt.
1LIVE: Sein Nachfolger ist Chris Sharrock aus der Band von Robbie Williams.
Noel Gallagher: Chris ist brillant! Und ich hoffe, dass er noch einige Zeit bei uns bleiben wird. Wobei das Ironische an Zaks Abgang ist: Gerade als wir dachten, wir hätten den perfekten Drummer, den wir niemals rausschmeißen müssten, da hat er von alleine gekündigt. Was schon lustig ist.
1LIVE: War Robbie nicht sauer, dass ihr ihm den Schlagzeuger geklaut habt?
Noel Gallagher: Mir doch egal. Ich meine: Wofür braucht der einen Drummer? Der macht doch eh nichts mehr. Und wenn er etwas braucht, dann einen Personal Trainer – aber keinen Schlagzeuger.
1LIVE: Da wir gerade bei den lieben Kollegen sind: Warum ist es heutzutage eigentlich so hip, ein wandelndes Wrack zu sein?
Noel Gallagher: Du meinst Amy Winehouse und Pete Doherty, richtig? Einfach, weil das zwei Kids aus der Mittelschicht sind, die ganz scharf auf ein bisschen Aufmerksamkeit sind. Und das ist alles. Ich meine, wer will schon gerne so abgefuckt sein? Leute aus der Arbeiterklasse bestimmt nicht. Die wollen gut aussehen, ein gutes Auskommen haben und das Leben in vollen Zügen genießen. Aber diese kleinen Hosenscheißer aus der Mittelschicht denken, sie wären Dichter. Dabei sind sie Idioten, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen.
London ist ein echter Scheißhaufen

Oasis sind wieder auf Tour - auch im Sektor.
1LIVE: Und gar nicht merken, wie nervig sie sind?
Noel Gallagher: Also im Falle von Amy Winehouse und Pete Doherty würde ich sagen: Für zwei Leute, die sich permanent über die Presse beschweren, sind sie zu oft auf irgendwelchen Fotos zu sehen, wie sie morgens um sieben mit einer Nadel im Arm durch die Gegend torkeln. Deshalb glaube ich ihnen auch nicht. Ich meine, das sind zwei süße Kinder, und ich habe sie beide schon getroffen. Aber es geht ihnen nur darum, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mehr nicht. Wenn wir sie ignorieren, sind sie ganz schnell weg.
1LIVE: Wird Noel Gallagher je für den Posten des englischen Premierministers kandidieren?
Noel Gallagher: Das wird passieren – weil es die Leute wollen. Und ich werde dieses Land säubern, was keine fünf Jahre dauert. Als erstes werde ich das Problem mit dem öffentlichen Nahverkehr lösen und dann diesen Zentralismus stoppen – denn London ist ein echter Scheißhaufen. Ich würde mehr Polizisten auf die Straße schicken, Gefängnisstrafen verschärfen und die Todesstrafe zurückbringen. Bei vorsätzlichem Mord gibt es dann keine Fragen mehr: Wenn du zwei Mal von einer Jury verurteilt wurdest und es keine Zweifel an deiner Schuld gibt, landest du auf dem Stuhl.
Wir sind ein ziemlich zuverlässiger Haufen

Bildergalerie: Ansturm auf Oasis-Karten
1LIVE: Meinst du wirklich, damit kannst du die Wähler begeistern?
Noel Gallagher: Und ob! Die Leute haben genug von Weicheiern wie Tony Blair und Gordon Brown, die ständig ihre Meinung ändern. Sie wollen endlich eine klare Linie und jemanden, auf den sie sich verlassen können. Jemanden, der durchgreift.
1LIVE: Am 29. September spielt ihr ein exklusives Club-Konzert im Kölner Gloria. Was erwartet uns da?
Noel Gallagher: Dasselbe wie immer – nur andere Songs. Denn wir verfolgen kein großes Konzept, sondern machen einfach. Wir versuchen, die Songs zu spielen, von denen wir glauben, dass die Leute sie hören wollen. Was auch B-Seiten beinhaltet – genau wie viele neue Songs. Also vielleicht sieben neue und zwölf alte. Wir sind schon ein ziemlich zuverlässiger Haufen. Heute mehr als früher.
Quelle: einslive.de